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Leipziger Lehren: Auch queers dürfen tolerant sein

Was ich beim 20. Leipziger Symposium über intergenerationale Kommunikation gelernt habe

· LGBTQIA,Generationen,Stimme

Am vergangenen Wochenende hatte ich beim 20. Leipziger Symposium zur Kinder- und Jugendstimme einige Aha-Momente: Unter dem Motto "Person - Identität - Gemeinschaft" hat sich das Symposium in diesem Jahr gleich mehreren Themen gewidmet, die zu meinen zentralen Interessen und Herzensangelegenheiten gehören. Eines der Highlights war für mich der Workshop von Thomas Lascheit, der seine langjährigen Erfahrungen aus dem Stimmcoaching für trans* und nicht-binäre Personen mit dem Publikum teilte.

Die Arbeit von Thomas Lascheit und Stephanie A. Kruse und ihre gemeinsam entwickelte LaKru-Methode zum Stimmtraining für enby und trans* Menschen faszinieren mich schon seit Längerem. Die Bausteine und deren Anwendung nun live und anschaulich demonstriert zu bekommen, habe ich als äußerst bereichernd empfunden.

Gendersensible Sprache in der Stimmtherapie

Thomas' Erfahrungsschatz zeigt sich nicht nur an der durchdachten Methode, den Erfolgen seiner Klient*innen und daran, wie gekonnt er die Techniken mit seiner eigenen Stimme umsetzt, sondern insbesondere auch an dem Feingefühl, mit der er gendersensible Sprache verwendet und erklärt. Besonders schön anzusehen war, wie sich durch die an jede Gruppe verteilten Pronomen-Sticker über das gesamte Wochenende immer mehr Regenbogen unter den Tagungsgästen verbreitete.

Namensschild Leipziger Symposium mit Pronomen Sticker they/them, she/her

Meine Pronomen: Englisch they/she, Deutsch dey/sie

Für mich als queere Person in ihren 30ern (also - je nach Perspektive - immer noch der 'jungen' Generation zugehörig) ist der Umgang mit gendersensibler Sprache und vergleichsweise neuen Ausdrücken aus dem LGBTQIA+-Kontext relativ selbstverständlich. ABER: Einen nicht unwesentlichen Teil des Publikums beim Leipziger Symposium stellen Künstler:innen, Pädagog:innen und Mediziner:innen mit jahrzehntelanger Berufserfahrung, von denen ich vielen einen recht konservativ-bürgerlichen Hintergrund unterstellen möchte. Aus diesem Grund war ich zugegeben gespannt auf die Resonanz zum Workshop sowie zu den zahlreichen Fachvorträgen und Podiumsdiskussionen, die sich ebenfalls mit trans* und queeren Sänger:innen und Sprecher:innen auseinandersetzten.

Mehr Generationen-Lücke denn Generationenkonflikt

Zwei Dinge haben mich in hohem Maße überrascht und auch inspiriert:

  1. Von mehreren Teilnehmenden im 'fortgeschrittenen' Alter war ein ehrliches, respektvolles Interesse an der Thematik spürbar und teils sogar eine Dankbarkeit, Fragen stellen oder Besorgnis ausdrücken zu dürfen. Tosenden Applaus gab es (gleich bei zwei Gelegenheiten) für Thomas' Statement: "Wenn 100 hetero Kinderbücher es nicht geschafft haben, mich hetero zu machen, dann wird auch kein Kind schwul durch zwei schwule Kinderbücher." Mit so viel Offenheit hatte ich nicht gerechnet und darf mich hier mit meinen Vorurteilen an die eigene Nase fassen. Und noch spannender:
  2. Einige Teilnehmende haben ehrlich und mutig ihre Überforderung mit der Thematik eingestanden (und damit insbesondere von den jüngeren Teilnehmenden Gegenwind riskiert). Statt jedoch mit Unverständnis oder Ärger zu reagieren, hat Thomas (und später auch die großartigen Podiumsgäste AMY, Jason Koth und Sascha Viebig) diese Chance ergriffen und wertvolle Aufklärungsarbeit betrieben, sodass ein fruchtbarer Diskurs entstehen konnte. Das hat skeptischen Menschen überhaupt erst die Möglichkeit eröffnet, ihren Horizont zu erweitern und queeren Personen mit neuer Offenheit zu begegnen.

Mein Learning aus diesem Wochenende: Wenn ich von konservativ sozialisierten Personen Verständnis für die Bedürfnisse von Mitgliedern der LGBTQIA+-Community erwarte (übertragbar auf andere marginalisierte Gruppen), dann tue ich gut daran, diesen Leuten entgegenzukommen. Nicht indem ich mich verbiege / weniger queer bin / verletzende oder beleidigende Formulierungen toleriere, sondern indem ich Verständnis habe für ein anfängliches Nicht-Wissen oder Nicht-Verstehen. Ganz nach dem Motto: Fehler sind okay, solange wir zuhören und es beim nächsten Mal besser machen.

Wie seht Ihr das? Ich freue mich auf Eure Kommentare!

Glossar:

trans*: Adjektiv für Personen, die sich mit dem Geschlecht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde, nicht identifizieren

nicht-binär, enby: Adjektive für Menschen, die sich weder mit dem männlichen noch mit dem weiblichen Geschlecht (eindeutig) identifizieren